von Els van Vemde

Kirchenfenster über dem Haupteingang „dienende Martha“
Es ist in der protestantischen Tradition schon etwas ungewöhnlich, wenn eine Kirche einen weiblichen Namen trägt.
Unsere Gemeinde heißt: Martha!
Und damit nicht genug: Wer unseren Hof betritt und auf die rot-backsteinerne Kirche zugeht, wird von schönen Reliefs begrüßt, deren Hauptfiguren Frauen sind: die zehn Jungfrauen, die Witwe von Sarepta oder die Frau, die ihren zehnten Drachmen sucht.
Und innen drin gibt es an diesem Punkt noch eine Steigerung: acht bunte Kirchenfenster zeigen acht biblische Frauen, vier aus dem ersten Testament und vier aus der Zeit danach.
Prophetische Frauen, wie Hannah. Starke Frauen, wie Lydia. Unbekannte Frauen, wie Lois.
Rundum befinden sich auch hier viele Reliefs, auf denen das Leben Jesu abgebildet wird.
Und man kann es sofort erkennen: Jesus wurde in seinem Leben von vielen Frauen begleitet.
Hier in der Martha-Kirche wurden diese Frauen sichtbar gemacht.
Man würde vielleicht denken: es war wohl eine bewusste Entscheidung, dass hier vor 35 Jahren eine emanzipatorische kirchliche Frauenarbeit gegründet wurde. Nun es war eher Zufall (aber washeißt das schon?).
Das Projekt heißt heute: „Mira Martha“ und da steckt das Wort „Wunder“ drin. So oder so, es ist unverkennbar, dass eine solche Frauenarbeit kaum einen besseren Ort hätte finden können.
Wie kam unsere Kirche zu ihrem Namen?
Im Rahmen ihrer Broschüre „Aus dem Leben einer Kreuzberger Gemeinde“ (erschienen im Herbst 1984) hat die Journalistin Karin Weingart nach den Hintergründen der Namensgebung geforscht.
Was sie unter der Überschrift „Den Frauen ein Denkmal – Martha: Dienen oder bekennen?“ schrieb, soll an dieser Stelle in einer längeren Passage zitiert werden:
„In unserer Gemeinde liegt die Suche nach den Spuren der Frauen besonders nahe. Schließlich trägt unsere Kirche den Namen einer Frau, einer guten Freundin von Jesus zumal. Damit nicht genug. Auch die künstlerische Ausgestaltung der Kirche ist den Frauen gewidmet. In der Festschrift zur Einweihung (1904) heißt es ausdrücklich: „Der leitende Gedanke, welcher dem künstlerischen Schmuck in den Reliefs über den Portalen wie im Innern der Kirche und den Kirchenfenstern zugrunde liegt, ist die Verherrlichung der Frauen der Bibel und Kirchengeschichte.
Der Name der Kirche, welcher von der arbeitsamen Freundin Jesu aus Bethanien hergenommen ist, gab dazu die Veranlassung, den Frauen der heiligen Schrift in dieser ‚Marthakirche’ ein Denkmal zu stiften.
Erster Teil der Kirchenfenster: Frauen aus dem ersten Testament: Eva, Mirjam, Ruth und HannahEin Auftrag, den ich zu Beginn dieser Arbeit [Anmerkung: gemeint ist die Broschüre der Journalistin Karin Weingart] mit auf den Weg bekommen habe, war der, herauszufinden, wie es zu dieser Namensgebung kam.
Um es gleich zu sagen: Es ist nicht gelungen. Anhand der Dokumente ist nur soviel eindeutig zu klären: Der Gemeindekirchenrat unserer Muttergemeinde Emmaus schlug den Namen Martha vor, die Kaiserin [Anmerkung: gemeint ist Kaiserin Auguste Viktoria (1858-1921), die den Bau dieser Kirche, wie den vieler Berliner Kirchen in den damaligen Arbeiter_innenvierteln anregte] hatte nichts dagegen einzuwenden. So bleiben wir also auf Vermutungen angewiesen.
Zunächst gibt es Stimmen, die meinen, eine der Personen, die den Bau unserer Kirche mit größeren Geld- und Sachspenden unterstützten, habe den Vornamen Martha getragen. Ein Denkmal dem Mammon?
Möglich ist auch eine zweite Interpretation, die ebenso wenig bewiesen werden kann: Die erste Gattin des ersten Pfarrers Betenstedt, der in den Anfängen der Gemeinde eine so wichtige Rolle spielte, hieß Martha. Sie verstarb zu einem Zeitpunkt, als die neue Gemeinde noch keinen eigenen Namen besaß. Ein Denkmal für die Pfarrersfrau? Eine Interpretation, die mir persönlich sehr zusagen würde.
Eine dritte Vermutung schließlich nimmt auf theologische und kirchengeschichtliche Fragen Bezug:
In der gängigen Interpretation wurde die schillernde Figur der biblischen Martha allzu eindeutig interpretiert: als Symbol dienender Liebe und Demut (vergl. Lukas 10, 38-42). In den ersten Kapiteln dieses Heftes [Anmerkung: gemeint ist wieder die Broschüre der Journalistin Karin Weingart] haben wir in groben Zügen nach verfolgt, dass es der Kirche in der Zeit um die Jahrhundertwende nicht zuletzt darum ging, die Menschen in einer gegenüber Staat, Kirche und Familienoberhaupt demütigen Haltung zu belassen. „Dienen“ lautete ja auch die Parole der Grundsteinlegung unserer Kirche. Was also hätte dann näher gelegen, als gerade in einem Arbeiterbezirk eine biblische Frauengestalt zur Namenspatronin zu wählen, die dienende Liebe, Demut also, verkörpert. Auszuschließen ist auch diese Interpretation nicht, wiewohl sie letzten Endes ebenso wenig nachweisbar ist wie die beiden anderen. Ein Denkmal der Unterwerfung?Wenn wir uns die Martha-Darstellungen durch Lukas und Johannes (11, 20-27) anschauen, so fällt auf, dass die Akzente in den Berichten unterschiedlich gesetzt sind. Bei Lukas steht das Dienen der Frau im Mittelpunkt, bei Johannes die glaubensstarke Bekennerin.
Welche ist nun gemeint, wie sahen die Begründer der Gemeinde ‚ihre’ Martha? In der Festschrift zur Einweihung der Kirche klingt noch beides an: die dienende aus dem Lukas-Evangelium und die bekennende, also selbstbewusste, kompromisslos für ihren Glauben, ihre Überzeugungen eintretende Frau.
Im Streit um den Charakter der Martha ergreift schließlich Pfarrer Betenstedt für die tapfere Frau Partei: Er stärkt Johannes gegen Lukas den Rücken. Im Jahre 1905 nämlich beantragte Betenstedt ein ästhetisch ansprechendes und zugleich religiös aussagekräftiges Kirchensiegel. Aufschlussreichsind seine näheren Ausführungen. In einem Brief an das Kabinett der Kaiserin schreibt er mit Hinweis auf den Johannestext: „…Jedenfalls würde das Siegel der Marthakirche dann diejenige Begebenheit aus dem Leben der Martha zur Gestaltung bringen, in welcher sie im Unterschied von Luc.10, V.38-42 auf der vollen Höhe des christlichen Standpunktes erscheint, und welche darum zur Wiedergabe besonders geeignet sein dürfte.“
Leider dachte die Kaiserin nicht daran, der Gemeinde das gewünschte Kirchensiegel zu spendieren.“
Zu diesen Schlüssen kam die Journalistin Karin Weingart bei ihren Nachforschungen zur Namensbebung von Martha. Bis heute existiert auf dem offiziellen Siegel der Gemeinde das Bild der dienenden Martha (siehe Kirchenfenster oben).
Martha, die Drachenzähmerin
Nach einer langen Ära von männlichen Pfarrern wurde Ende der 70-er Jahre, zum ersten Mal eine Pfarrerin (Erika Fechner) in die Gemeinde eingeführt. Es war gerade die Zeit, im Anschluss an die politischen 68-er Jahre, in der Frauen um ihre Rechte kämpften und die Frauenemanzipation auf den Weg brachten. In den Räumen der Martha Gemeinde trafen sich in der Walpurgisnacht hunderte Frauen aus der autonomen Frauenbewegung. Die neue Pfarrerin war Teil dieser Bewegung und wollte auch neue Akzente setzen. Das Frauencafé wurde gegründet (ein Raum nur für Frauen!) und Frau Fechner schaute auch mit einem feministischen Blick auf die Martha Figur. Das bestehende Logo mit Martha als Dienerin gefiel ihr nicht und bei ihrer Suche nach anderen Bildern, stieß sie auf eine frühchristliche Legende. Darin wird erzählt wie Martha, zusammen mit ihren Geschwistern Maria und Lazarus, nach Südfrankreich verschlagen wurde. Dort besiegte sie im Rhonetal mit Kreuz und Weihwasser den furchtbaren Drachen Tarascus, den sie an ihrem Gürtelband mit sich führte,. Dass Frauen – und natürlich auch Männer – „das Böse“ (oder das Negative in ihrem Leben) nicht gewaltsam bekämpfen, sondern besser integrieren sollen, war eine weise psychologische Erkenntnis. Von da an wurde ein neues Logo für die Gemeinde gefunden:

Das Logo der Gemeinde: Martha, die Drachenbändigerin
(Dass das Volk in der Legende anschließend doch auf die Tötung des Biestes bestand, wurde hier allerdings nicht erzählt.)
Die Drachenzähmerin ist bis heute ein wichtiges Symbol. Es krönt Briefkopf und Gemeindeheft, auch wenn inzwischen ein neues Symbol dazu gekommen ist: eine anmutige Engelfigur, die einmal verschütt gegangen ist und jetzt wieder auf dem Altar steht. Sie wurde restauriert, aber ihr fehlt nach wie vor ein Arm. Sie vermittelt Schönheit und Verletzlichkeit. Dabei ist ihr Anblick nicht nur anrührend, sondern auch inspirierend. Sie symbolisiert eine Geistkraft, die beflügelt!

Altar mit dem Engel der Martha-Gemende
Die offene Jugendarbeit der Gemeinde, in der das Thema Gewalt immer wieder thematisiert wird, hat an der starken Drachenbändigerin Martha ihren eigenen Gefallen gefunden und sie auf ihre Weise verewigt!

Wandmalerei der Offenen Jugendarbeit
