Predigt zur Jahreslosung 2026

Gott schlägt ein neues Kapitel auf …

Jedes Buch hat ein Ende. Auch die Bibel. Das letzte Buch der Bibel ist das Buch Offenbarung. Und dieses letzte buch der Bibel erzählt auch von einem Ende. Vom Ende einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. In starken, prophetischen Bildern erzählt die Offenbarung des Johannes vom Ende der Gewalt, vom Zusammenbruch einer ungerechten Macht, vom Ende dessen, was Menschen erniedrigt und klein macht.

Johannes spricht im letzten Buch der Bibel vom Ende einer pervertierten Welt. Wie sehr muss diese Botschaft die Menschen getröstet und ermutigt haben, die Johannes adressiert hat. Er richtet seine Worte an sieben Gemeinden, die am Ende ihres Lateins sind. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sie leben im Römischen Reich und werden verfolgt. Ihr Glaube macht sie verwundbar. Und wie sehr sehnen sie sich nach einem Ende der Verfolgung.

Die Offenbarung erzählt vom Ende. So wie das iranische Volk so sehnsüchtig auf das Ende des brutalen und menschenverachtenden Regimes hofft. Auf das Ende einer Diktatur, die über Leichen geht. Wie groß ist die Hoffnung auf ein Ende dieses Leidens. So wie die Menschen in den Kriegsgebieten dieser Welt so sehr auf ein Ende der Gewalt hoffen. Und so wie auch wir in unserem persönlichen Leben die Hoffnung auf ein Ende kennen. Auf das Ende unserer Sorgen, einer Krankheit oder eines Konfliktes.

Das Buch Offenbarung erzählt vom Ende einer aus den Fugen geratenen Welt. Aber mehr noch. Denngenau hier, am Ende, geschieht Überraschendes. Das Ende des letzten Buches der Bibel ist zugleichNeubeginn. Wo die Bibel endet, wo die letzten Zeilen geschrieben stehen, dort schlägt Gott ein neues Kapitel auf. Wo ein Punkt gesetzt wird, da setzt Gott einen Doppelpunkt. Denn Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21, 5)

Nach dem Ende geschieht etwas Entscheidendes: Gott spricht. Das ist mehr als nur eine formelle Einleitung. Das ist ein Versprechen. Denn immer, wenn Gott in der Bibel spricht, bleibt die Welt nicht, wie sie ist. Gottes Wort beschreibt nicht nur Wirklichkeit – es schafft Wirklichkeit. So erzählt es schon der Anfang der Bibel. Als alles noch ungeordnet war, als Chaos herrschte, greift Gott nicht einfach ein. Es heißt: Gott sprach. Und aus diesem Sprechen entstehen Ordnung, Licht, Leben und Zukunft. An diese Erfahrung knüpft die Bibel immer wieder an. Immer dann, wenn Menschen nicht weiterwissen. Immer dann, wenn Worte fehlen. Und so ist es kein Zufall, dass Gott auch am Ende der Bibel wieder spricht.

FormularendeUnd dieses Wort, das Gott spricht, ist kein fernes Versprechen. Kein Trost für irgendwann. Es ist ein Wort, das mitten in unsere Gegenwart hineingesprochen wird. „Siehe, ich mache alles neu.“ Nicht: Ich werde alles neumachen. Nicht: Irgendwann wird einmal alles anders sein. Sondern: Ich mache. Jetzt. Gottes Verheißung steht im Präsens. Das Neue ist keine Vertröstung auf später, sondern ein jetziges Geschehen. Das Neue Gottes fängt heute an.

Darum steht da dieses kleine, aber so entscheidende Wort: „Siehe!“ Schau hin. Öffne die Augen. Denn das Neue ist schon da. Es kommt nicht unbedingt spektakulär. Oft ist es unscheinbar. Zerbrechlich. Fast zu übersehen. Wie eine Frühlingsblume, die nach einem langen Winter keimt und sich entfaltet. So müssen wir lernen, das Neue wahrzunehmen. Darum dieser Ruf: Siehe! Damit wir nicht achtlos vorbeigehen an dem, was Gott längst begonnen hat.

Gott macht neu. Aber sie macht das nicht im Alleingang. Gott verwirft nicht alles, was war. Das Gute, was von Menschenhand geschaffen ist, greift Gott auf und baut darauf weiter. In der ersten Schöpfung beginnt alles mit einem Garten, den Gott allein schafft – in der neuen Schöpfung endet alles mit einer Stadt, in der sichtbar wird, dass Gott das Neue gemeinsam mit den Menschen gestaltet.

Und dann denke ich heute an all die mutigen Menschen in Iran, die inmitten der Bedrohung ihre Stimme erheben. An all die Menschen, sie sich auf unterschiedliche Weise für den Frieden in der Welt einsetzen. Und an jeden einzelnen Menschen, der nicht daran glaubt, dass das Dunkel das letzte Wort hat. Und sich immer wieder Hoffnung und Mut zuspricht. Unsere Welt ist so verwundbar. Aber mit unserer Stimme schaffen wir Neues und werden so Schöpfungspartner und -partnerinnen Gottes.

Wenn Gott alles neu macht, dann heißt das also nicht: Wir warten ab. Aber es heißt auch nicht: Jetzt liegt alles an uns. Es heißt: Gott nimmt uns hinein in das, was sie selbst begonnen hat. Schon am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte, vertraut Gott den Menschen etwas an: die Erde zu bebauen und zu bewahren. Nicht als Überforderung. Sondern als Teilhabe. Und genau so ist es auch hier. Gott macht neu und sie macht das nicht ohne Menschen. Darum ist das, was wir als Gemeinde tun, gestalten, entscheiden und tragen, nicht nebensächlich. Es ist Teil dieses großen Weges Gottes mit ihrer Welt.

Dass am 18. Januar in Martha und Tabor ein neuer Gemeindekirchenrat eingeführt wurde, ist nicht nur ein formeller Akt. Es ist ein Zeichen des Vertrauens. Ein Zeichen dafür, dass Gott Menschen zutraut, Verantwortung zu übernehmen mit ihren Begabungen, mit ihren Fragen und mit ihrer Begrenztheit. Nicht aus eigener Kraft. Sondern im Vertrauen darauf, dass Gott selbst mitgeht in dem, was neu werden soll.

Und in genau diesem Vertrauen feiern wir jede Woche neu unsere Gottesdienste. In der Liturgie leben wir aus der Verheißung Gottes noch bevor sie vollendet ist. Wir beten und singen gegen das, was uns täglich an Dunkelheit begegnet. Gegen das, was uns mutlos machen will. Wir glauben nicht nur dem, was wir sehen. Im Gottesdienst leben wir einen Augenblick lang so, als wäre Gottes neue Welt schon mitten unter uns. Weil wir an Gottes Verheißung glauben. Oder glauben möchten.

Es wäre schön, wenn dieses Vertrauen uns auch an allen anderen Tagen in der Woche tragen und in diesem Jahr begleiten würde. Und wir uns immer wieder beschenken lassen würden von dem, was neu werden möchte.

Rens Dijkman-Kuhn

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Sophia – Die vergessene Göttliche


Gottesdienst und Predigt am 11. Mai 2025, gestaltet von Els van Vemde

Begrüßung: Im Zeichen der Weisheit

Liebe Menschen, mit diesen Worten aus dem Buch der Sprichwörter – auch Sprüche Salomons genannt – möchte ich Sie und euch herzlich begrüßen.


Heute soll es um Weisheit gehen. Die Weisheit die wir in diesen Zeiten so sehr vermissen. Es gibt zwar viele weise Menschen, aber ihre Stimmen haben – abgesehen von den Wirtschaftsweisen – wenig Gewicht. Nicht mal der Weckruf vom weisen Papst Franziskus – immerhin das Oberhaupt einer Weltkirche – wurde erhört. Möge seine Stimme in der Zukunft weiter wirken. Und möge der neue Papst Leo der XIV auch neue weise Worte finden.


Achtzig Jahre nach dem Ende eines schrecklichen Weltkrieges gibt es heute mehr Kriege in der Welt als je zuvor. Am vergangenen Donnerstag, am 8. Mai, wurden zu diesem Anlass in Martha die Glocken geläutet und die Friedenskerze angezündet. Wir gedenken auch heute.

Und besonders denken wir an eine Frau, die Margot Friedländer, die den Holocaust überlebte und jetzt mit 103 Jahren gestorben ist. Und wir vergessen nicht ihre Worte: „Seid Mensch!“

Ich werde jetzt die Friedenskerze anzünden und bitte um einen Augenblick der Stille.

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Wer macht den Abwasch …?!

Wer macht den Abwasch …?!

von Rens Dijkman-Kuhn | Predigt zur Einführung als Pfarrerin der Gemeinde Martha am 20. Oktober 2024

Zwei ungleiche Schwestern unter einem Dach

Lukas 10, 38–42

Es wohnen in einem Haus zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da gibt es die ältere Schwester. Martha. Sie ist tatkräftig, betriebsam und emsig. Fürsorgend. Geradezu immer beschäftigt, ihr Haus in Ordnung zu halten und eine gute Gastgeberin zu sein. Und es gibt die jüngere Schwester. Maria. Sie ist eher zurückhaltend, ruhig und in sich gekehrt. Nachdenklich. Heute würde man sagen, sie ist eine, die die Arbeit nicht unbedingt erfunden hat. Und so gibt es im Haus der beiden Schwestern natürlich Spannungen. So wie es auch in unseren Häusern und in unseren Familien sicherlich Spannungen gibt. Wenn die Persönlichkeiten so unterschiedlich sind, dass sie einander im Weg zu sein scheinen.

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Predigt zum Holocaust-Gedenktag 2022

Gehalten von Els van Vemde, 30. Januar 2022

Begrüßung

„Gott sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne sein Leid.“

Mit diesen Worten aus dem 2. Buch Mose möchte ich Sie und euch ganz herzlich zu diesem Gottesdienst begrüssen.
Es ist der letzte Sonntag in der Epiphanias Zeit.
Normalerweise würde die „Verklärung Jesu“ zentral stehen, aber gleichzeitig gab es in den vergangenen Tagen zwei so gewichtige Holocaust-Gedenktage – nämlich der 20. Januar (80 Jahre Wannsee Konferenz) und der 27. Januar (die Befreiung von Auschwitz) – das ich diese nicht übergehen möchte.
In den vergangenen 12 Monaten sind drei Holocaust-Überlebende in sehr hohem Alter gestorben und eine andere wurde 100 Jahre alt.
Ich möchte in diesem Gottesdienst an diese 4 Frauen erinnern, an Trude Simonsohn, Erna de Vries, Esther Bejarano und Margot Friedländer.
Die heutige Lesung aus dem alten Testament handelt von einem brennenden Dornbusch, von der Offenbarung Gottes und der Berufung Mose.
Weil wir auf die Kürze des Gottesdienst achten sollen, habe ich von den vorgeschlagenen Texten, nur diesen ausgewählt.

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