Eingangsworte
Vom Aufstrahlen der Sonne bis zu ihrem Untergang – der Name Adonaj sei umjubelt.
Psalm 113, 3

Einführung
Mit diesem Vers aus Psalm 113 möchten wir uns auf eine besondere Reise begeben. Eine Reise durch den Tag – und zugleich durch das Leben.Wir beginnen am Morgen des Lebens, dort, wo alles vor uns liegt, wo Hoffnung und Möglichkeiten erwachen wie das Licht eines neuen Tages. Wir gehen weiter durch die helle Mittagszeit, durch Jahre des Handelns und Gestaltens. Wir werden den Abend erreichen, die Zeit der Ernte, der Ruhe und des Dankes. Gemeinsam werden wir am Abend das Abendmahl feiern. Und schließlich kommt die Nacht, in der wir uns der Hoffnung auf einen neuen Morgen anvertrauen.
Am Morgen des Lebens
Wenn die erste Sonnenstrahlen mich morgens wecken, dann liegt ein neuer Tag vor mir. Ein Meer voller Zeit, Möglichkeiten und Chancen. Ich brauche nur aufzustehen und sie in die Hand zu nehmen. Heute ist zum Greifen nah. Ein Geschenk. Dass ich da bin. Heute. Dass ich da sein darf. Wenn der Schlaf der Bruder des Todes ist, so wie die griechische Mythologie sagt, dann ist das Erwachen die Schwester der Auferstehung, so könnte man weiterdenken.
Nun ist der Anfang eines neuen Tages nicht für jeden eine Quelle des Glückes. Wenn wir uns Sorgen machen, dann kann der Schlaf eine heilsame Unterbrechung sein. Und dann werden mit dem Morgenlicht die Sorgen neu geboren. Oder eine große Traurigkeit, die nach der Nacht nicht aufhört. Manchmal scheint der neue Tag einzig und allein eine Fortsetzung der Vergangenheit zu werden.
Wenn es keine Perspektive gibt. Keine Hoffnung. Vom Aufstrahlen der Sonne … Wie sehr zeigen sich die Ukraine und der Nahe Osten als eine hoffnungslose Fortsetzung der Gewalt und des Krieges. Der Hunger, mit dem auch heute die Kinder in Sudan wach werden. Nicht jeder neue Tag scheint Verheißung in sich zu tragen. Weil Schuld von gestern liegen geblieben ist. Nicht jeder Tag wird als Geschenk erfahren. Für sie, die an einer Depression leiden, ist gerade auch das Aufstehen eine große Qual. Nicht jeder neue Tag scheint der neue Anfang des Lebens zu sein.
Und doch. Ist nicht jeder Sonnenstrahl, wie klein und zaghaft auch, Symbol dafür, dass das Licht stärker ist als die Finsternis? Erzählt nicht jeder Sonnenstrahl, dass es neue Chancen gibt? Geht nicht jeder Tag doch irgendwie schwanger mit Hoffnung? Und wird nicht mit jedem neuen Tag etwas von Hoffnung geboren? Es verschwinden mit dem ersten Morgenlicht die letzten Fetzen Finsternis. Die Spuren der Nacht werden ausgewischt. Ausgeruht werde ich wach. Ein neuer Tag liegt wie ein Geschenk vor mir. Ich darf es auspacken. Ich darf da sein. Unglaublich. Es scheint selbstverständlich zu sein. Dass die Sonne jeden Tag neu über uns aufgeht. Dass wir jeden Tag neu wach werden. Aber viel mehr als selbstverständlich ist das. Wie ein Wunder.
Und damit Grund zum Staunen. Zur Verwunderung. Verwunderung. Das ist das Gegenteil der alltäglichen Selbstverständlichkeiten und der Routine. Verwunderung. Sie lässt Dich atemlos innehalten. Bei dem Beginn eines neuen Tages.
Es ist Frühling. Du stehst am Anfang. Am Morgen Deines Lebens. Und auch wenn Du vielleicht schon in die Jahre gekommen bist, vor Dir liegt heute ein neuer Tag. Ein neuer Beginn. Verwunderung. Atemlos innehalten bei einem neuen Tag. Bei Deinem Leben. Bei der ganzen Schöpfung. Bei dem Anfang von Raum und Zeit, Energie und Materie. Bei dem gigantischen Kosmos. Dem Universum, der Evolution des Lebens. Innehalten bei der Poesie in der Schöpfungsgeschichte:
Und Gott sah, dass es gut war, sehr gut. Innehalten bei dem Lob des Psalms 8: Adonaj, du herrschst über uns alle. Wie machtvoll ist dein Name auf der ganzen Erde.
Wie selbstverständlich entsteht das Lob.
Nicht als fromme Formel oder langweiliger Spruch, einfach so hingesagt. Vielmehr ist das Lob.
Es entspringt der tiefen Freude am Leben, das sich mir jeden Tag neu präsentiert
… Der Name Adonaj sei umjubelt!
Die Sonne im Zenit
Wenn alles gut ist, gehen Staunen und Lob in Taten über. Dazu lädt der Mittag des Lebens ein. Wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, strahlt der Tag in voller Kraft. Wir stehen mitten im Licht und fühlen uns durchströmt von Energie. Es ist der Sommer unseres Lebens. Die Zeit des Handelns. Und wenn es gut ist, werden daraus Taten des Lichtes. Denn das Licht dieses Tages ist nicht nur für uns selbst bestimmt. Es will auch über andere scheinen — besonders über jene, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.
Diese Taten des Lichtes sind eine andere Form des Lobes. Gott loben heißt: seinen Namen groß machen. Den Namen dessen, der sagt: „Ich bin da“ und „Ich werde da sein“.
Wer diesen Namen groß macht, ist selbst für andere da. Darin liegt das tiefste Lob Gottes: füreinander da zu sein. Andere wahrzunehmen. Und mehr noch. Wahre Größe zeigt sich im Beugen. Darin, dass wir uns bücken, um andere aufzurichten. Adonaj, so heißt es in Psalm 113, thront in der Höhe – und sieht doch auf die Menschen in der Tiefe. Er richtet die Geringen aus dem Staub auf und hebt die Armen aus dem Elend. Er schenkt Würde und neues Leben. Wo Menschen einander aufrichten, da klingt das Lob Gottes.
Und wo diese Lob klingt, da fällt Licht in diese Welt. Jede Umarmung, jedes offene Ohr lässt das göttliche Licht leuchten. In schweren Zeiten tragen diese Momente. Kleine Gesten werden zu Wegweisern. Ganz gleich wo: im Beruf, im Ehrenamt, in der Familie oder auf der Straße. Menschen werden zu Lichtträgern. Sie schieben die Wolken beiseite. Wenn wir so leben, singen wir den alten Psalm 113 auf ganz neue Weise.
Vom Aufstrahlen der Sonne bis zu ihrem Untergang – der Name Adonaj sei umjubelt.
Wir fluten den Raum mit Licht. Wir gehen füreinander auf wie die Sonne. Wir werden zum Licht der Welt.
Der siebte Tag
Am Ende des Tages verliert die Sonne langsam an Kraft. Sie neigt sich dem Westen entgegen und die Dämmerung beginnt. Vielleicht sind auch wir müde geworden. Es ist Zeit, zur Ruhe zu kommen. Am Abend eines langen Tages darf wir das. Im Herbst unseres Lebens. Aber auch mitten in der Geschäftigkeit unseres Alltags. Ruhe ist unentbehrlich. Gott selbst ruhte am siebten Tag. Der siebte Tag. Wir dürfen Verantwortung aus den Händen legen. Für Menschen, die Tag für Tag viel zu tragen haben, kann das eine große Wohltat sein. Freie Tage und Zeiten der Erholung sind wichtig. Gott ruhte am siebten Tag. Im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth nennt Paulus unseren Körper einen Tempel des Heiligen Geistes. Wenn wir gut mit uns selbst umgehen, wenn wir Ruhe zulassen und unserer Seele Raum geben, dann ist auch das ein Gottesdienst.
Und doch fällt das Loslassen nicht immer leicht. Besonders dann nicht, wenn wir älter werden und Verantwortung an Jüngere weitergeben müssen. Wenn Kräfte nachlassen oder Krankheit und Grenzen spürbar werden. Es schmerzt, wenn man merkt, nicht mehr dieselbe Rolle spielen zu können wie früher. Und dennoch können Menschen im Herbst ihres Lebens ein Segen sein. Mit ihrer Erfahrung, ihrer Weisheit und ihrer Geschichte schenken sie der Welt etwas Kostbares. Der Herbst trägt die Farben einer reichen Ernte. Vielleicht gibt es Grund, dankbar auf das Leben zurückzuschauen.
„… bis zu ihrem Untergang sei gelobt der Name des Herrn.“
Wenn die Sonne im Westen untergeht, dürfen wir zur Ruhe kommen. Im Alltag unseres Lebens und in den Jahren des Älterwerdens.
Auch das gehört zum Lob Gottes: dass wir zur Ruhe finden und wieder bei uns selbst ankommen. Und während an einem Ort die Sonne untergeht, beginnt anderswo bereits ein neuer Morgen. So verstummt das Lob niemals. Es wandert weiter um die Erde — von einem Menschen zum anderen, von einer Zeit zur nächsten.
Doch für uns ist jetzt Abend. Die Arbeit des Tages liegt hinter uns. Die Wege führen nach Hause. Es ist die Stunde, in der Menschen seit alters her zusammenkommen, um das Brot zu teilen. Um von ihrem Tag zu erzählen. Um Gemeinschaft zu erfahren. Auch wir sind nun eingeladen, Platz zu nehmen. Nicht an unserem eigenen Tisch, sondern an dem Tisch, den Christus bereitet. Hier dürfen wir loslassen, was wir getragen haben. Wir müssen nichts leisten und nichts beweisen. Wir kommen mit leeren Händen und empfangen Brot und Wein.
Der Traum eines neuen Morgens
Wenn die Erde in Dunkelheit gehüllt ist, schließen wir unsere Augen. Wenn es gut ist, schlafen wir.
Der Schlaf ist heilsam. Wir finden tiefe Ruhe. Verletzlich strecken wir uns aus.
Der Schlaf – nach der griechischen Mythologie ist er der Bruder des Todes. Symbol des Winters.
Symbol auch der Finsternis, die unsere Welt und manchmal auch unser eigenes Leben umhüllt.
In unserem Schlaf träumen wir. Erinnerungen, Bilder, Gestalten und Gesichter begleiten uns.
Wir träumen von dem, was gewesen ist. Aber wir dürfen auch von einem neuen Morgen träumen.
Psalm 113 begrenzt das Lob Gottes nicht auf einen einzigen Tag und nicht auf ein einziges Menschenleben.
„Der Name Adonaj sei gesegnet von nun an für immer.“
Das ist die weite Sprache der Hoffnung. Die Verheißung, dass nach jeder finsteren Nacht ein neuer Tag anbrechen wird. So dürfen wir uns ausstrecken – verletzlich vielleicht, aber voller Vertrauen einem neuen Morgen entgegen.
Und unsere Träume dürfen größer werden. Sie dürfen zu Visionen werden. Zu Bildern einer neuen Welt, in der Gottes Frieden wohnt. Zu der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit und Leben ihren Platz finden. Vielleicht erklingt gerade in unseren tiefsten Träumen das größte Lob. Dort, wo wir darauf vertrauen, dass Gott einen neuen Morgen schaffen wird. Dort, wo wir hoffen, dass sein Reich aufrichtet, was zerbrochen ist, und seine Liebe die Welt verwandelt.
So wird gerade auch die Nacht zum Raum der Hoffnung. Sie träumt bereits von Gottes neuem Morgen. Denn keine Nacht kann verhindern, dass ein neuer Tag anbricht. Und keine Nacht kann den neuen Morgen aufhalten. Denn Gott lässt seine neue Welt schon dämmern …
Am Sonntag, den 12. Juli 2026 in Martha, Rens Dijkman-Kuhn